︎



Nachruf auf Karl Imfeld (1931–2020)

Du hast uns oft erzählt, ‚z Billet' hättest du schon vor längerer Zeit gelöst, der Zug sei bis jetzt einfach nie ein- und mit dir weitergefahren. Kari ich sitze gerade auf der Münsterplattform in Bern und die Glocken wetteifern mit dem Aarerauschen. Ich denke an dich, denn ich habe gestern gehört, dass in Kerns zum ersten Mal seit Langem das Pfaffenglöggli geläutet hat. Jetzt ist er also gekommen, der Zug. Und du bist damit losgefahren.

Du warst offensichtlich Vieles und es wird Andere geben, die dich und dein Schaffen besser kennen als ich. Für mich warst du jedenfalls zuvorderst: unwahrscheinlich. Unsere Begegnungen im Huwel waren so leise für dich, wie sie für Yves und mich besonders waren. Geschichte war plötzlich kein Verhör mehr, durch einen dieser halbdurchlässigen Polizeispiegel. Mit dir sah man in eine Zeit, und sie schaute ausnahmsweise zurück. Deine Gedichte musste ich im Buchhandel selbst suchen, denn davon erzählt hast du nur, wenn man gefragt hat. Ich habe dir nie gesagt, wie viel Platz diese Büchlein bei mir bekommen haben. Aber es ist eigentlich auch egal, du hättest ein Kompliment aus dieser Richtung souverän verpuffen lassen. Für viele Menschen bist du bis zuletzt ein Pfarrer, der Kernser Pfarrer gewesen. Für mich warst du das nie, wir kamen quasi zu spät. Oder genau richtig, denn nun hattest du vor allem eines: Zeit. Du hast sie verwendet, um dem unbeobachteten Geschehen mit deinen Beobachtungen nachzustellen. Das Vergessen kreist stets über uns, wachsam und geduldig. Nachrufe sind nicht wirklich für die Nachgerufenen sondern eigentlich für uns. Und gewisse Worte reserviert man sich besser für sprachlose Gelegenheiten. Gewichtig fand ich dich. Und das von dir Geschriebene schwer. Manchmal war es schwierig, vielleicht auch für dich. Bei unserem vorletzten Besuch habe ich dich mit einem See verglichen, in dem vor einigen hundert Jahren Forellen ausgesetzt und anschliessend vergessen worden waren. Habe dich für mich verglichen mit eben den Fischen, die seit ihrer Wiederentdeckung zur seltenen Gelegenheit geworden sind, einen Verlust noch einmal zurückzuspulen. Als ich dir das erklären wollte, hast du mich ein bisschen irritiert angesehen. Hatte ich damit vorgeschlagen, dich aus der geteilten Gegenwart, dem Schutzlang zwischetinnä, auszuladen? Dabei warst du ein uhuändisch anwesender Zeitgenosse, bis zum Schluss. Der Tatort war dir nicht Recht (Verbrächä sett käi unterhaltig syy) und die neueste Kirchengeschichte erst recht nicht. Frömmelei fandest du ugniässbaar, deine Computerkenntnisse hingegen fanden Yves und ich erstaunlich. Letztes Jahr habe ich dir ein Mail von genau dieser grünen Bank hier geschickt und du hast mir prompt zurückgemailt. Da warst du 88 Jahre alt.

Die Glocken im Münsterturm haben aufgehört. Ich muss lachen, weil sich hier neben mir die Spatzen in einer dreckigen Pfütze putzen. Dir hätte die Szene wahrscheinlich gefallen und ich denke, dir wäre ein Text dazu eingefallen. Mir fällt immerhin dein Färrari ein und ich will weiterlachen. Dieses Gefährt habe den Weg von Kerns ins Flüeli und über Sachseln zurück nach Kerns problemlos gemeistert, weil man damit so schön schnell runterfahren und gleichzeitig rekuperiärä konnte. Du hattest uns immer mehr zu sagen als Yves und ich, dir. Etz verzellid ier doch maal! hast du nach mehrstündigen Ausführungen zwar oft gesagt. Aber zuzusehen, wie du Jahreszahlen und Fakten sorgsam wie Perlen auf eine feine Kette gefädelt hast und dir nie eine dabei runterfiel – das hat uns alle drei wahrscheinlich mehr beeindruckt. Genau genommen hast du nichts erzählt, sondern herumgeführt. Dieser Raum zwischen Lopper und Brünig (dein Raum, sicherlich) hat jetzt ein paar Augen und Ohren weniger und fast möchte ich sagen: man merkt es bereits, bis hier an die Aare. Und ich weiss nicht warum aber ab und zu fallen mir hier, auf diesem Bänkli, Dinge ein, von denen ich sonst keine Ahnung habe. Ob es daran liegen mag, dass einem hier Dinge in den Sinnkommen, anstatt dass man ihnen hinterherjagen muss? Etwas so zu benennen, dass es einverstanden damit war, das hast du jedenfalls für Obwalden geschafft. Und diese Zeit (nur noch unsere Zeit, ab jetzt) hat mit deiner nächsten Reise einen unwahrscheinlichen Gast weniger. Das Neue passiert hiervon natürlich unberührt und weiterhin, schliesslich arbeiten wir jeden Tag daran. Ich habe gelesen, dass zu Sterben heisst, unwiderbringlich aus der Zukunft mit anderen herauszufallen. Aber du fällst mir zu oft ein, um hier und jetzt und dort und dann keinen Platz mehr zu haben. Das letzte Wort hast, wie immer, du Kari.

Ich ha äinä troffä
wo a yyser Wäld
Fräid hed
sitdäm
gaad s mid erä obsi
ich wett
syy wisst s

(21.08.20, Berner Altstadt)