THE SOUND THE SUN MAKES (2019)












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STORYTELLING ALS VERLUST ODER:
TAUSEND BILDER, ABER WELCHE WELT?

Ich stell mir vor, Realität sei Dichte, und deshalb nicht gut zu fassen. Die Gefässe, mit welchen wir abschöpfen und konservieren, sprechen und verstehen wollen, kennzeichnet nicht die Nähe sondern die Distanz zu ihrem Ausgangspunkt. Da ist Dreck auf dem Glas, durch das du dich und die Welt siehst (und das ist entmutigend). Dabei kann der Blick-nach-Aussen vieles sein, er bleibt jedenfalls unser einziges Verhältnis zur Welt.1 Umso verrückter, glauben wir an eine Eigene, sehen wir ja immer die Gleiche. Dort wo meine Haut aufhört, fängt die Welt an.

Obwohl das (über-die-Welt-)Sprechen der Anderen also nicht wirklich nachvollzogen werden kann – im Idealfall hören wir uns gegenseitig beim Reden zu – erzählt sich unsere Zeitgenossenschaft uhuere gern Geschichten.2 Die Einigung auf Sprache eliminiert dabei keine Missverständnisse, sondern fördert sie (die Sprache und die Missverständnisse). Erzählen ist wohl immer ungefähr gelogen (und zählen genau langweilig), vor allem aber reduziert es Komplexität. Geschichten sind wunderbare Ausgänge. Ihr Stoff: die vergangene, kommende oder die Welt von Nebenan. Als Ein- und Zugänge zur Gegenwart sind sie mir nicht geheuer. Ihr Selbstbewusstsein soll in der vorgetragenen Undurchsichtigkeit des Sichtbaren wohnen bleiben, in Pippi Langstrumpfs Ich mach mir die Welt (gewesen). Dies, weil sogar Fiktionen eine*n allzu existierende*n Erzähler*in brauchen. Keine Relation ohne Referenzsystem, keine Kritik ohne Stimme. Wo soll es den geben, diesen Standort ausserhalb des Ichs, von dem aus das Hier-und-Jetzt parallel verdaulich reduziert werden kann?

Es ist eine schöne Unwahrscheinlichkeit, dass sich ein unzählbares Aussen in einem Menschen zu zählbaren Eindrücken bündelt, wie durch ein Objektiv. Dasselbe gilt übrigens für Fotografie: sie kann nicht die Wahrheit des Festgehaltenen zeigen, sondern lediglich dessen stärkste Form. Die eigene Beziehung zur gerade bewohnten Welt flieht, ständig. Da gibt es kein Quäntchen Essenz, um das sich die Legende bilden und von dem sie erzählen könnte – äs isch ä Wält wo niä isch, immernur wird. Wenn man ehrlich wäre, müsste man sich wohl eingestehen: eine in Sekundenbruchteilen existierende Beziehung zum Aussen kann nur immer wieder neu empfunden werden und das, bei maximaler Entfernung, höchstens am Übergang. Nichts könnte wichtiger für Bildgebungsverfahren sein. Sehen geschieht weder im Gesehenen, noch in den Sehenden, sondern dazwischen. Wahrnehmung, im Gegensatz zur Erzählung, treibt das Subjekt nicht vor sich her, es meint es mit (immerhin vertrauen wir geradezu darauf, dass auch sei, was wir sehen). Aber wenn das Heute work-in-progress ist, kann es nicht wirklich als Gegenstand behandelt werden. 

MIT VERLUSTEN RECHNEN

Von tausend Bildern bleibt also womöglich nur ein erzählendes Sehen, welches das Here We Are Today katalogisiert.3 Aber eben nie wo, sondern nur wie: immer hinnädri. “Wenn irgendetwas Bild werden möchte, so nicht, um anzudauern, sondern um besser verschwinden zu können.”Hinnädri erstens, weil Geschichten das Zeitliche segnen. Weil sie das Stehenbleiben einer Uhr beschwören, die es ohne sie nicht geben würde. Und hinnädri zweitens, weil offenbar alles Licht und damit schneller im Verwandeln ist, als wir (er-)zählen können: mit Lichtgeschwindigkeit. Es sieht so aus, als genüge der Blick auf etwas, um es zu verändern. Ich kann das nur halbbatzig mit Quantenphysik beschreiben aber ganzbatzig mit meinem Spiegelbild.6 Oder mit Tourismus. Oder jemand Anderen schreiben lassen:

“Wenn ein Photon absorbiert und dadurch ‚gemessen’ wird – bis zu seiner Absorption hat es keine Wirklichkeit –, wird ein unteilbares Informations-Bit zu dem hinzugefügt, was wir über die Welt wissen, und gleichzeitig determiniert das Informations-Bit die Struktur eines kleinen Teils der Welt. Es ‚schafft‘ die Realität von Zeit und Raum dieses Photons.“6 

Praktisch heisst das, dass jeder Blick-nach-Aussen das Aussen gewesen macht. Dass die Realität nach der Beobachtung um eine Fixierung reicher als die vorherige ist. Und die Welt von unserem (und Pippis) Festhalten davongeschieht. Bildgebungsverfahren mit der Absicht des Konservierens mögen darum sinn-, aber in anderer Hinsicht nicht zwingend nutzlos sein. Ob Friedrich Nietzsche die Fotografie mochte? Nichts Genaues weiss ich.7 Aber ich will kurz monieren lassen, um anschliessend auf die Zielgerade dieser Einleitung einzubiegen.

„Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?…“8

DIE KOMMENDE WELT

Wenn man Seifenblasen für ihre kurze Zeit beim Fliegen zusieht, kann man auf ihren Oberflächen Ölschwaden umherwandern sehen, ein wenig wie Wolken. Sie sind auf der Oberfläche und gleichzeitig sind sie die Oberfläche. Soweit ich weiss, heisst stattzufinden, in einem unwahrscheinlich dünnen Raum stattzufinden. Nirgends ein ‘Innen’, in das ich sehen kann. Unseren dafür erdachten Kompromissen, den Kulturprodukten, ergeht es genauso. Nur bei Harry Potter kann man in die Bilder sehen, der Rest von uns muss sich mit dem Sehen auf die Bilder begnügen. Wie schade. Ich stell’ mir vor, dass wir und unsere Bilder von aussen (also so wirklich von aussen, drum sagen wir mit Nietzsche: allen Sonnen) her gesehen, dem unendlich leeren Raum des Alls wie der Ölfilm einer Seifenblase entgegenglitzern. Irgendwo wird die Atmosphäre dünn, die Luft ist nicht mehr zu atmen und der “thin film within which we live” zu Ende.9 Wie die Meeresoberfläche noch Meer ist, obwohl sie die Luft darüber berührt, gehören die Oberflächen nur zu uns, nicht zum Aussen, dem sie sich zeigen. Sich im Übergang aufzuhalten ist nicht uns oder unseren Bildern möglich, sondern nur der Gegenwart.

„Es gibt bei den Chassidim einen Spruch von der kommenden Welt, der besagt: es wird dort alles eingerichtet sein wie bei uns. Wie unsre Stube jetzt ist, so wird sie auch in der kommenden Welt sein; wo unser Kind jetzt schläft, da wird es auch in der kommenden Welt schlafen. Was wir in dieser Welt am Leibe tragen, das werden wir auch in der kommenden Welt anhaben. Alles wird sein wie hier – nur ein klein wenig anders. So hält es die Phantasie. Es ist nur ein Schleier, den sie über die Ferne zieht. Alles mag da stehen wie es stand, aber der Schleier wallt, und unmerklich verschiebt sich’s darunter.“10
 

Ein Negativ illustriert, was auch für digitale Bilderzeugnisse gilt: sie bezeugen, wenn Zeit zum Ding wird. Die räumliche Strecke von ‘Innen’ und ‘Aussen’ trifft sich auf einer Fotografie mit der zeitlichen Distanz zwischen Geschehen und Noch-nicht-geschehen. In dem fabelhaften Moment, in dem ich in eine Fotografie zu sehen versuche, teilt sich das Bild mit meiner Welt: mich, den Betrachter. Es passiert auf der Grenze des Bilds, die man dehalb nur schwer sehen kann. Ich stelle mir vor, dass mit Bildern Löcher durch einen Stoff gelegt werden können, Brunnenschnorchel durch Zeit. Nicht, dass sie sich irgendwo festhalten lässt – das Gegenteil davon habe ich oben beschrieben. Aber plötzlich bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob unsere eingangs erwähnten Gefässe wirklich nur mit uns zu tun haben und wir alles von uns weg beobachten. Denn ist es nicht vielmehr so, dass das Licht, vor acht Minuten losgezogen auf dem Weg zu uns, uns immer einen Schritt vorraus ist, die Veränderungen sogar antizipiert? Mein iPhone hat wieder ein Jahr lang gefilmt was sich verändert. Du kannst dir kein Bildnis vom Bildnis-machen machen, oder?






01-01-2017-31-12-2017 / 218 RECORDINGS IN CHRONOLOGICAL ORDER.











1 Willingham, AJ, Hear the sounds the sun makes. They're surprisingly soothing, 27.07.2018, online unter https://edition.cnn.com/2018/07/27/us/sun-sounds-nasa-song-space-wxc-trnd/index.html; Sontag, Susan, In Platos Höhle, 1977; Baudrillard, Jean, Denn die Illusion steht nicht im Widerspruch zur Realität, in: Im Horizont des Objekts, 1999.

2 Assheuer, Thomas, Die Welt als Reportage, in: DIE ZEIT Nr. 1/2019, zeit.de/2019/01/journalismus-reportagen-wirklichkeit-aufklaerung-claas-relotius; zeit.de/kultur/2015-12/selbstverwirklichung-optimierung-essay/komplettansicht; Das Gleichnis der Haut als Grenze zwischen mir und der Welt hat mir der Sarner Künstler Markus Bürgi in den Kopf gesetzt. Es (das Gleichnis) hat ihn (meinen Kopf) seither nicht mehr verlassen; Eveleth, Rose, How fake images change our memory and behaviour, in: https://www.bbc.com/future/article/20121213-fake-pictures-make-real-memories; https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&ei=60t-Xb2nN4_TwALE5ImwBg&q=%22visual+storyteller%22+%22photographer%22&oq=%22visual+storyteller%22+%22photographer%22&gs_l=psy-ab.3..0i22i30.3892.7027..7233...1.2..0.110.1409.14j2......0....1..gws-wiz.......0i71j0i67j0j0i19j0i22i30i19j0i22i10i30i19j0i22i10i30.ai_mebzJKe8&ved=0ahUKEwj9yOGPhtPkAhWPKVAKHURyAmYQ4dUDCAo&uact=5.

3 Korzybski,Alfred, Science and Sanity, 1994; Zinnecker, Florian, Und hinter tausend Bildern eine Welt, in: DIE ZEIT, https://www.zeit.de/hamburg/2019-06/here-we-are-today-bucerius-kunst-forum-fotoausstellung.  

4 Baudrillard, Jean, Denn die Illusion steht nicht im Widerspruch zur Realität, in: Texte zur Theorie der Fotografie, hg. von Bernd Stiegler, Stuttgart 2017, S. 50-58, S. 51.

5 Zum verändernden Beobachten und dem Welle-Teilchen-Dualismus ansatzweise eine Einführung: https://www.leifiphysik.de/quantenphysik/quantenobjekt-elektron/welle-teilchen-dualismus.


6 Weyh, Florian Felix, DigiKant oder: Vier Fragen, frisch gestellt, in: Philosophie in der digitalen Welt, online unter https://www.deutschlandfunk.de/philosophie-in-der-digitalen-welt-digikant-oder-vier-fragen.1184.de.html?dram:article_id=454492.

7 Metzmacher, Weyh, Nietzsche und die Fotografie. Essay, in: fotosinn, online unter: https://fotosinn.de/essays/nietzsche. 

8 Nietzsche, Friedrich, Menschliches, Allzumenschliches, Viertes Hauptstück, Aphorismus 222 „Was von der Kunst übrig bleibt“ (KSA 2, S. 186).

9Latour, Bruno, Facing Gaia: Eight Lectures on the New Climatic Regime, Cambridge 2017, S. 79; eine Kritik bei Grolimund, Remo, DAS TERRESTRISCHE MANIFEST. Gebunden im Biofilm, in: WOZ. Nr. 27/2018 vom 05.07.2018, unter: https://www.woz.ch/-8e1d. 

10 Benjamin, Walter, Denkbilder, Frankfurt am Main 1994, S. 120.