Himel, Ärdä, Luft und miär





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Am Abend des zweiten August 2001 ging in der ganzen Schweiz der heisseste Tag des Jahres zu Ende und eine langanhaltende Hitzeperiode war gebrochen. Es wurde kälter und fing zu regnen an. Ich denke, wir haben das schlechte Wetter nicht gebracht. Platz dafür hätte es in den Lastwagen aber genug gehabt. Gestern dann bin ich in die Frage gelaufen, wie in eine Wand. Gefühlt zum ersten Mal, wollte mir ein deutsches Wort nicht mehr einfallen: es duckte sich hinter seinen schweizerdeutschen Geschwistern weg. Mich hat das wohl einerseits gestört, weil die helvetische Variante recht plump klang. Aber andererseits wahrscheinlich vor allem, weil mit der Sprache ja ein Zugang geht. Putschiauto.

Was bedeutet es, irgendwo aufzuwachsen? Dieser Himmel, dem wir entgegenwachsen, ist das für Alle derselbe? Wurzeln sind ein Angebot, um oben und unten zu verbinden. Regen ist ein anderes. In Obwalden berühren die Wolken den Boden nie, weil immer irgendwo Berge sind. Gerade in der Nacht hängt der Himmel zwischen Pilatus und Brünig “wie ein schwindelig hohes, dämmeriges Kirchendach über den finstern Bergsäulen. Er lebt. Er öffnet den Mund, goldene Sterne, was sag’ ich, goldene Wörtlein, Sätze, ganze Geschichten rieseln hervor. O wie das redet. Ich höre und verstehe nichts.” (Federer, Heinrich, Am Fenster, 1927, S. 16.) Das Leben ist vertikal, hier besonders. Sogar Engel-berg (ein Stück Obwalden, ausserhalb davon) ist umgeben von Hörnern und Jochen. Deren Spitzen sind weder erhaben, noch sind sie höher als die der dahinter wartenden Welt. Ihre Konturen gleichen mir keiner ausgefuchsten Wahrheit, sondern eher einer zittrigen Handschrift. Von Verlusten an Ursprünglichkeit könnte man daraus nicht erzählen, ohne über beachtliche Zufälle zu stolpern. Vielleicht stimmt, was Kari uns einmal im Huwel erzählt hat. Wer diesen Raum verstehen wolle, müsse nur sehen, was sich der Himmel hier in der Mitte gelassen hat: ein Meer, kein Miär. Jemand Wichtiges fand einmal, hier sei “ein Ort, der gleichzeitig in der Mitte und am Rand steht” (Leuenberger, Moritz, Älggi ist überall, 1998, S. 5). Womit allerdings jeder Erdenfleck beschrieben wäre. Oder berühren die Wolken den Boden denn irgendwo?

Eigentlich hätte ich hier sagen wollen, ich hätte lange gebraucht um anzukommen. Aber das geht ja nicht. Ankommen stellt man sich gemeinhin als Zustand vor – aber eigentlich ist es lediglich der indefinit kleine Moment zwischen Dort- und Da-sein. Man kann nicht angekommen bleiben. Man wächst an und dann auf. Der Satz Himel, Ärdä, Luft und miär drückt Erstaunen aus, wird allerdings nur noch selten verwendet.