Alles wo hätt chennä passierä, minus Alls wo passierd isch / Buchpublikation 2020

Alls wo hätt chennä passierä, minus Alls wo passierd isch. Dr scheenscht Plural wos gid: Zuekümft.
Fotos und vorläufige Notizen aus acht Jahren. Mit einem Essay zu Abbildern. (268 Seiten, 2020)
















“Ich versuche es auszusprechen aber es gelingt mir nicht. Es ist Mitte Mai, und ich sitze an meinem Schreibtisch. Ich frage mich gerade: Ist es der Raum, der unser Sehen für würdig erklärt oder adeln unsere Blicke den Ort? Im Loppertunnel vor Alpnach gibt es jedenfalls keine Sehens-würdigkeiten. Das Erste, was die meisten Reisenden von Obwalden sehen, sieht gleich aus, wie überall: eine dunkle Tunnelwand. Das ist das Schöne an Orten, die von Bergen umrandet sind: man wird jedes Mal ein wenig in sie hineingeboren. Wenn die vorderen Zugwagons dann nach einer Minute und fünfzehn Sekunden nach draussen ruckeln, hört man die Sehenswürdigkeit zuerst, bevor man sie sieht. Die Fenster vorne haben plötzlich unverstellte Sicht auf den Alpnachersee. Ooh! Etwas später, verzögert, auch in den hinteren Abteilen: Aah!

Und was sehe ich, wenn mich der Lopper ausspuckt? Wenn es in der deutschen Sprache nur ein Zuhause geben kann, soll zumindest die Zukunft einen Plural haben. Denn: Ich könnte jetzt auch ganz woanders sein, ich bin nicht hier geboren. Der Befund meines Angekommen-seins ist also essentiell, andernfalls wäre ich noch unterwegs. Und auf Reisen sieht man viel, vielleicht zu viel. Das sightseeing hat deshalb freiwillig Nichts vor Augen, ausser den bereits durch Vorbesuche angenehm (v)erdichteten Raum. Beim sightseeing (Sicht-Sehen) suchen wir nichts Tatsächliches, sondern nur den Blick der uns Zuvorgekommenen. Und der Individualreisende, der das Offensichtliche meidet, tut das (unter umgekehrten Vorzeichen) in einer vergleichbaren Biederkeit.
Gestern kam ich mit dem Zug nach Hause und sah: Nichts. Es war neblig und die Postkarte vor mir wollte nicht wirken. Soll es diese Ideen – an denen man beim Sprechen scheitert, weil sie sich selbst verhindern – soll es die halt geben. Es sind Begriffe ohne Hafen und vielleicht eher Dialoge, die sich als Worte schmücken. Der Blick auf sie genügt, um sie zu verändern und vermutlich sollte ich damit leben lernen. Solange man ein Bewusstsein hat, das einem den ganzen Tag lang beim Sehen zusieht, wüsste ich jedenfalls nicht, wie es absoluter funktionieren sollte. 

Ich bin vom Bahnhof nach Hause gegangen und habe meine Fischersachen zusammengepackt. Beim Binden der Wanderschuhe habe ich gehofft, dass ich nicht schon wieder eines von Yves‘ Löffeli versemmeln würde, in meiner Köderbox waren drum nur noch zwei. Sigs wis well redete ich mir zu: der See gibt und der See nimmt. [...]” 

aus: Y mich und id Wält greck‘d. Ein Essay zu Abbildern.